Heimweh – wenn Zuhause kein Ort, sondern ein Gefühl ist.

„Ich habe Heimweh.“

„Hääh, du bist doch zu Hause.“

Vor einiger Zeit entdeckte ich diesen kurzen Dialog auf dem Instagram-Account: demenz_in_jungen_jahren

Ein Beitrag, der sofort etwas in mir berührte.

Ich kommentierte damals:

„Zuhause ist eben kein Ort, sondern ein Gefühl. Für mich ist das bei Oma W. (die lange schon nicht mehr lebt) unter der Daunendecke und Pfannkuchengeruch.“

Und damit war ein Gedanke ausgesprochen, der mich nicht mehr losließ.

In meiner Arbeit mit Angehörigen von Menschen mit Demenz begegnet mir der Satz „Ich will nach Hause“ immer wieder.

Manchmal sitzen die Menschen dabei in ihrem eigenen Wohnzimmer, in der Wohnung, in der sie seit 40 Jahren leben. Und Angehörige berichten mir immer wieder, dass sie dann versuchen zu erklären, dass man doch hier zu Hause sei. Sie zeigen auf vertraute Möbel, erinnern an die Adresse oder sagen: „Aber hier wohnst du doch, mit Mama schon seit 1950!“

Was, wenn wir diesen Satz einmal nicht als Frage nach einem Ort verstehen, sondern als Ausdruck eines Gefühls?

Was, wenn ein Mensch, der seine Orientierung verliert, vor allem nach Sicherheit und Vertrautheit sucht?

Ich habe versucht, mich in dieses Gefühl hineinzuversetzen.

Und bin dabei selbst auf eine Reise gegangen.

Zurück in meine Kindheit. Zu Oma W., die gar nicht meine Oma war und bei der ich mich doch so sehr zu Hause fühlte.

Aus diesem Gedanken ist mein poetischer Text „Heimweh“ entstanden:

Heimweh

Ich hab’ Heimweh und es schmerzt.
Es schmerzt so sehr in meiner Brust, in meinem Herzen.
Du kannst mich nicht verstehen, sagst:
„Hääh, Du bist doch zu Hause.“

Ja, ich hab ja auch Heimweh nach einem Gefühl.
Und nicht so sehr nach einem Ort.
Heimweh nach Pfannkuchengeruch und dicken Federbetten,
nach Märchenerzählen und selbstgestrickten Socken.

Hab schon lange nicht mehr dran gedacht
und doch ist er da:
mein Safespace und Rückzugsort,
wenn jemand mich geärgert hat.

Ich konnte lange nicht mal anrufen und fragen, ob ich willkommen war.
Auf dem Weg von der Schule zum Hort
im Hauseingang verschwinden.
Die schwere Tür öffnen.
Bohnerwachs einatmen,
die Treppe erklimmen.
Die Klingel drehen
und durch den Briefschlitz nach innen spähen.

Die Kette wird gelöst.
Die Tür öffnet sich.
Eine weiche Brust, die mich an sich drückt.
Eine warme Hand, die mich ins Innere zieht.
Eine weiche Stimme, die leise summend fragt:
„Wie ist es, mein Kind?“

Oma W. ersetzt Therapeutengespräche
und weiß es nicht mal.

Ranzen abstellen und auf den Hocker gerutscht.
Sie in der Küche:
Eier aufschlagen für Pfannekuchen.

Das Geheimnis bei ihrem Rezept:
„Eiweiß und Eigelb trennen!“
Und laaaaaange rühren von Hand.

Auch hier wieder: die Schüssel eng an die Brust geklemmt.
Mit starken Armen, trotz schlaffer Haut –
eine Prise Liebe dazugegeben.

Wenn ich heute an meinem Ceranfeld stehe,
frage ich mich manchmal,
ob auch der Gasherd eine Gelinggarantie war?

Streichholzzischen & Schwefelgeruch.
Terrazzoboden, eingeprägt und eingebrannt,
wecken Gefühle wie auf Zelluloid gebannt.

Ein Hocker vor den Herd geschoben:
„Denn gut Ding will Weile haben!“

Das war auch so ein Gefühl bei ihr:
Nie in Eile zu sein.

Mein Highlight war: bei ihr schlafen zu dürfen.
Hach, einfach wunderbar!

Abends fertig machen zur Schlafenszeit:
Waschen und Zähneputzen am Waschtischbecken,
Toilettengang auf halber Treppe
und dann ins riesengroße, vorgewärmte Ehebett.

Obwohl ich den Menschen, der auf der anderen Bettseite schlief, nie kennenlernte,
mochte ich ihre andere Betthälfte.

Und dann kam das Beste:

Märchengeschichten unterm Federbett,
die Wärmflasche an den Füßen.

In der Nase der Duft von Kölnisch Wasser.

Ihre weiche Stimme und ihr Atemgeräusch.
Mein Gesicht fest an ihre weiche Brust gedrückt.

Der Spannungsbogen wie immer geglückt.

Da waren der Wolf und die Großmutter,
Rapunzel, lass dein Haar herunter.
Sieben Zwerge hinter sieben Bergen.

Ruckedigu, Blut ist im Schuh.
Und Falada, der da hanget.
Der kleine Muck dreht sich geschwind.
Ein Hut fliegt im Wind …

Ihre Stimme hat mich eingelullt.
Ihr Kinn vibrierte an meinem Haarschopf.
Ihre Arme umfingen mich.
Hielten mich sicher und niemals zu fest.

Und zum guten Schluss:

Einschlafen, bevor das Böse gewinnt.

In dem sicheren Wissen, dass sie morgen noch da ist,

ein schöner neuer Tag beginnt.

Die Zeiten sind vorbei.
Ich nicht mehr klein.

Doch auch wenn das Haus längst abgerissen ist,
in Gedanken geh ich heut noch dahin,

weil ich dort auch heut´noch
INNERLICH sicher bin.

Vielleicht kennen Sie dieses Gefühl auch?

Die Sehnsucht nach einem Ort, den es nicht mehr gibt. Nach einem Menschen, der längst verstorben ist. Nach einem Geruch, einer Stimme oder einer Berührung.

Und vielleicht haben auch Sie einen solchen inneren Ort, an den Sie in Gedanken zurückkehren können?

Wenn Menschen mit Demenz im fortgeschrittenen Stadium sagen: „Ich will nach Hause“, geht es oftmals nicht um die letzte Meldeadresse.

Häufig steckt dahinter eine Sehnsucht nach Vertrautheit, Sicherheit und Geborgenheit. Vielleicht auch nach einer Zeit, in der die Welt noch überschaubar war und man sich aufgehoben fühlte.

Auch ohne eine solche Erkrankung kenne ich manchmal diese Sehnsucht nach der Welt meiner Kindheit, in der alles irgendwie überschaubarer und langsamer war.

Natürlich können wir nicht wissen, was ein Mensch in diesem Moment tatsächlich empfindet.

Manchmal möchte er auch ganz konkret an einen anderen Ort. Vielleicht ist ihm die gegenwärtige Umgebung fremd, vielleicht fehlt ihm etwas oder er fühlt sich unwohl.

Vielleicht ist er gerade erst in ein Pflegeheim gezogen. Dann kann die Sehnsucht nach Hause auch Ausdruck eines ganz natürlichen Abschiedsschmerzes sein. Trauer um das geliebte Zuhause. Angst vor dem, was kommt.

Es geht also immer wieder darum:

Zu verstehen, bevor wir antworten.

In der Begleitung von Menschen mit Demenz sprechen wir häufig von Validation als Kommunikationstechnik.

Dabei geht es darum, die Gefühle und das subjektive Erleben eines Menschen ernst zu nehmen, auch wenn wir seine Wahrnehmung der Situation nicht teilen.

Wenn jemand sagt: „Ich will nach Hause“, ist unsere erste Reaktion vielleicht:

„Aber du bist doch zu Hause!“

Sachlich mag das richtig sein. Nur hilft diese Antwort nicht unbedingt gegen das Gefühl, das hinter dem Wunsch steht.

Vielleicht können wir stattdessen fragen:

„Vermisst du dein Zuhause gerade sehr?“

Oder sagen:

„Ja, zu Hause ist es schön.“

Und dann könnten wir zuhören. Nachfragen. Vielleicht von früher erzählen lassen, gemeinsam Fotos anschauen. Und vielleicht auch gemeinsam traurig sein und aushalten, dass der Abschiedsschmerz gerade groß ist.

Ich möchte das gar nicht als raffinierte Kommunikationstechnik oder als Zauberformel verstanden wissen, die immer „funktioniert“.

Im Sinne von: „Schwupps, nun kann ich wieder lachen, finde es hier ganz wunderbar und lasse mich problemlos versorgen oder pflegen.“

So einfach ist es eben nicht.

Es geht vielmehr darum, mit dem Menschen in Verbindung zu bleiben und herauszufinden, was er gerade wirklich braucht.

Manchmal können wir eine belastende Situation nicht auflösen. Aber wir können da sein, zuhören und im besten Fall ein wenig Sicherheit vermitteln.

Denn manchmal geht es nicht darum, einem Menschen zu erklären, wo er ist, sondern darum, zu verstehen, wie er sich fühlt.

Und vielleicht hilft uns dabei die Erinnerung an unser eigenes Heimweh.

Herzlichst Deine

 

 

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